Diskussion

 

 

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1. Kommentar zum Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger vom 27.3.2013: "Stadt nutzt Geldmittel für Roma nicht"

2. Bemerkungen zum „Welt-Roma-Tag“

3. Anmerkungen zu einer Ausstellung

4. Kommentar zur Presseerklärung der NRW-Minister Guntram Schneider und Ralf Jäger vom 7. August 2013:

„Maßnahmen der Landesregierung zur Unterstützung der von Armutszuwanderung betroffenen Kommunen“

5. Bemerkungen zur gegenwärtigen Diskussion um die Einwanderung aus Bulgarien und Rumänien

6. Kommentar zur "Asylreform"

7. Kommentar zu Aussagen des Sinti-Verbandsvorsitzenden Manfred Böhmer (Hannover) in "BILD" (bzgl. "Zigeunerplatz")

  


 

[7.] Kommentar zu Aussagen des Sinti-Verbandsvorsitzenden Manfred Böhmer (Hannover) in "BILD" (bzgl. "Zigeunerplatz")

Nachdem das „Forum für Sinti und Roma“ in Hannover im August 2013 das Sommerloch für eine political correctness-Aktion genutzt hatte (Abschaffung von Begriffen wie Zigeunerschnitzel, Zigeunersauce u.ä.: http://www.neuepresse.de und: http://www.neuepresse.de), zieht jetzt der ebenfalls in Hannover angesiedelte, etwas größere „Niedersächsische Verband Deutscher Sinti e.V.“ nach, indem dessen Vorsitzender, Manfred Böhmer, in der Bild-Zeitung (online am 18.10.2014: http://www.bild.de) mit merkwürdigen Aussagen versucht, Aufmerksamkeit  zu erregen. Tatsächlich eignet sich diese „Volkszeitung“ – hier in ihrer Dresdener Ausgabe – am besten für dererlei Schmarn. Offenbar hat bisher außer der „Jungen Freiheit“ (am 21.10.2014) keine andere Zeitung dieses karnevalistische Treiben aufgegriffen. Auf der Webseite des Verbandes (http://www.sinti-niedersachsen.de) findet sich übrigens kein Hinweis auf die Eskapade ihres Vorsitzenden (Stand 21.10.2014) – wie immer das zu verstehen ist.

Worum geht es? Im Tharandter Wald in Sachsen ist an einem Parkplatz ein Schild „Zigeunerplatz“ angebracht, das darauf verweist, daß in früheren Zeiten hier häufiger Zigeuner gelagert hatten.

M.Böhmer fordert die Umbenennung des Platzes – Umbenennung also, aber was stattdessen?

Böhmers Argument: „Bezeichnungen wie Judenplatz oder Zigeunerplatz haben in der Öffentlichkeit nichts zu suchen.“ Offenbar weiß er nicht, daß es an vielen Orten in Deutschland Straßenamen wie „Judengasse“ u.ä. gibt, und dies wohl mit dem Gedanken, das Erinnern an Juden am Ort zu ermöglichen.

Böhmer weiter: „Mich schmerzt dies besonders. Denn meine Vorfahren kommen aus der Gegend.Was hier ein „besonderer Schmerz“ bedeutet, erschließt sich mir nicht. Offenbar soll hier mit einer subjektiv-emotionalen Einlassung (einem Vorwand) die Auseinandersetzung mit eigentlich untauglichen oder fehlenden Argumenten abgeblockt werden. Böhmers Vorfahren dürften jedenfalls keine Probleme mit dem Begriff „Zigeuner“ gehabt haben. Er könnte vielleicht (nur mal so als Denkalternative) froh sein, wenn die ehemalige (wohl regelmäßige)  Anwesenheit von Zigeunern (also auch Vorfahren von ihm) im Tharandter Wald durch einen Hinweis darauf für die Nachwelt festgehalten wird. Ob das immer nur Sinti waren oder auch Roma, dürfte Herr Böhmer wohl kaum nachweisen können, also sollte es sinnvollerweise  bei „Zigeunerplatz“ bleiben, wenn schon an eine Umbenennung („Sinti-Platz“? oder „Sinti-und-Roma-Platz“?) gedacht werden sollte und nicht an eine Auslöschung der Erinnerung an Zigeuner in jener Gegend.

Wenn Böhmer fordert: „Wir Sinti wollen nicht ausgegrenzt, sondern integriert werden,“ dann kann bzw. muß man sagen: Das „Zigeunerplatz“-Schild ist ein „integrativer Beitrag“.

Unsinn ist auch Böhmers Aussage: „Dabei bedeutet Sinti deutschstämmig.“ Sinti sind zwar vor allem im deutschsprachigen Raum anzutreffen – „deutschstämmig“ ist jedoch etwas anderes. Wenn Herr Böhmer „deutschstämmig“ sein will, dann bedeutet das Assimilation bis zur Unkenntlichkeit, aber nicht „Integration“.

Wenn Herr Böhmer keine anderen Probleme hat, mit denen er sich beschäftigen kann, so sei ihm hier noch die Möglichkeit aufgezeigt, weitere „Diskriminierung“ zu „bekämpfen“: http://www.gypsy-research.org

Ob es hier um die Konkurrenz zweier Hannoveraner Vereine um den ersten Platz in der Bütt geht oder was ansonsten Manfred Böhmer geritten haben könnte, darüber mag man weiter spekulieren. Sicher dürfte jedoch sein, daß derartiger Unsinn den Sinti (oder überhaupt Zigeunern) keine Sympathie verschaffen dürfte, erst recht, wenn Herr Böhmer behauptet, sein Verband würde die Interessen von 12.000 Sinti in Deutschland (also nicht nur Niedersachsen) vertreten. Dies könnte den fatalen Eindruck erwecken, 12.000 Sinti stünden hinter solch unsinnigen Aussagen bzw. Forderungen. Von einem dicken Fragezeichen hinter dieser Zahl einmal abgesehen, dürfte Herr Böhmer kaum eine Befragung zu dem Thema durchgeführt haben, bevor er sich an die Öffentlichkeit gerichtet hat.

 

Rüdiger Benninghaus, 21. Oktober 2014, ergänzt am 23. Oktober 2014

 

 


 

[6.] Kommentar zur "Asylreform"

Zum soundsovielten Male ist das Asylrecht in Deutschland eingeschränkt worden – einerseits. Andererseits hat es jedoch mit der am 19. September 2014 auch im Bundesrat abgesegneten Gesetzesänderung, natürlich einem Kompromiß, einige Verbesserungen gegeben – wenn sie denn tatsächlich (und zügig) in die Tat umgesetzt werden.

Ich kann dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kretschmann nur gratulieren, daß er den Mut und das Rückgrat bewiesen und angesichts der politischen Machtverhältnisse das Bestmögliche für Flüchtlinge gewählt hat. Er hat – was immer wieder von Politikern zu fordern ist – Sachpolitik vor Parteiinteressen gestellt, so wie es der GRÜNEN-Fraktionsvorsitzende im BaWü-Landtag, Ulrich Sckerl, ausgedrückt hat: „Im Mittelpunkt muss aber die Lösung des Problems stehen und nicht die Befindlichkeit der grünen Mitglieder.“ Nebenbei bemerkt: an der politischen Reife einer ganzen Reihe von GRÜNEN-Mitgliedern würde ich berechtigte Zweifel nicht nur in diesem Zusammenhang anmelden.

Die Äußerung der „Alt-GRÜNEN“, Claudia Roth: „Ich glaube, die Entscheidung war nicht verantwortungsvoll, nicht in der Sache und nicht gegenüber der Partei,“ ist eigentlich entlarvend: Es ging (ihr) auch – ich vermute, in erster Linie – um die Partei und nicht um die Sache, sprich: die betroffenen Menschen. Und es ging darum, eine bestimmte Klientel zu bedienen, die teilweise ohne Sinn und Verstand „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ fordert.

Das, was durch die jetzige Entscheidung für hier lebende Flüchtlinge an Erleichterungen erreicht worden ist, haben Rot-GRÜN in den vergangenen Jahren nicht zustande gebracht.

Was steht dem entgegen? Drei Staaten sind zu „sicheren Herkunftsstaaten“ erklärt worden; die Asylanträge von Staatangehörigen Serbiens, Mazedoniens und Bosnien-Herzegowinas sollen schneller entschieden werden (können). Dies war ohnehin in letzter Zeit der Fall, dauerte aber immer noch seine Zeit, da das Personal der Asylentscheider bzw. der Gerichte mit der Bearbeitung eben nicht so schnell zu Rande kam, wie manche Politiker es wünschten. Vermutlich wird das auch noch weiter der Fall sein oder sich nicht großartig ändern. Es wird auch weiterhin jeder Einzelfall entschieden werden (müssen), und es wird wie bisher das Ergebnis sein, daß kaum Roma als Asylberechtigte angesichts des schon vor der jetzigen Änderung geltenden Asylrechts bzw. der Asylpolitik anerkannt werden.

Wie Monika Düker, in der GRÜNEN-Fraktion im NRW-Landtag zuständig für die Flüchtlingspolitik, treffend feststellte: „Mit der Regelung zu den sicheren Herkunftsstaaten werde die Beschleunigung der Verfahren nicht erreicht …

Dies stellte auch der Kommentator in der Süddeutschen Zeitung (online am 19.9.2014, http://www.sueddeutsche.de), Thorsten Denkler fest: „Nach wie vor müssen Asylbewerber in Deutschland fünf bis sechs Monate darauf warten, bis ihr Antrag überhaupt bearbeitet wird. Sichere Herkunftsländer hin oder her.“ Und: „Kretschmann hat viel bekommen für wenig Einsatz.“ Denkler kritisiert auch zu Recht die Bundes-GRÜNEN: „Die Parteigrünen aber haben die Chancen nicht sehen wollen, die in der Asylrechtsänderung liegen. Sie haben nicht erkennen wollen, wie viel sie erreichen können, um die Lage der Asylbewerber zu verbessern. … Die Grünen-Spitze zeigt eine ideologische Verbohrtheit, die sie an den Linken immer so gerne kritisiert. Wer Nein nur aus Prinzip sagt, der verabschiedet sich von Politik. Die Grünen im Bund haben genau das gemacht.

Also: ein Sturm im Wasserglas.

NRW hat übrigens den Gesetzesentwurf nicht abgelehnt, sondern sich im Bundesrat lediglich der Stimme enthalten.

Schon vor Jahrzehnten konnte beispielsweise ein Kurde aus der Türkei nicht automatisch allein durch den Hinweis auf seine Zugehörigkeit zu einer diskriminierten ethnischen  Gruppe als Asylberechtigter anerkannt werden – wie immer man zu der „Ausgestaltung“ des Asylrechts in Deutschland stehen mag.

Nebenbei bemerkt betreffen die neuen Regelungen nicht nur Roma – wenngleich sie die Hauptgruppe der Asylsuchenden aus diesen Ländern ausmachen – sondern alle anderen Staatsangehörigen auch. Und eine weitere Nebenbemerkung: in dem Zusammenhang von „Sinti und Roma“ zu reden oder zu schreiben, ist eine der unsäglichen political correctness frönende sachliche Unkorrektheit, die leider immer wieder in der Presse und bei Politikern zu festzustellen ist. Es geht hier um Roma und nicht um Sinti.Es ist nicht zu bestreiten, daß in den genannten Ländern Roma diskriminiert werden, vor allem Roma, die in Roma-Ghettos oder eigenen Siedlungen am Existenzminimum leben. Die Politik, Roma die Ausreise nach Westeuropa zu verweigern, hat ebenfalls nichts mit Rechtstaatlichkeit zu tun.

Der Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters hat da offenbar noch ein Informationsdefizit; ihm wäre eine Reise zu Roma-Siedlungen in den genannten Balkan-Staaten zu empfehlen.

Eine solche Reise – von wem auch immer – müßte allerdings auch zu der Einsicht führen, daß die Anstrengungen zur Eingliederung von Roma, die in solchen Lebensumständen gelebt haben bzw. leben, ungleich größer sein werden/ sein müssen als bei vielen anderen Bevölkerungsgruppen.

Wer allerdings meint, alle in Südosteuropa diskriminierten und am Existenzminimum lebenden Roma in Deutschland prinzipiell (per Asyl oder sonstwie) aufnehmen zu können, der muß sich auch vergegenwärtigen, unter welchen Bedingungen schon jetzt Flüchtlinge hier (z.B. in Köln) leben, zusammengepfercht in Sammelunterkünften, ohne die Möglichkeit angesichts der Wohnungsnot und fehlender Deutschkenntnisse dezentral in Privatwohnungen unterzukommen und ohne ausreichende Betreuung. Der Hinweis auf eine verfehlte soziale Wohnungsbaupolitik und die ebenfalls eingestandene Unfähigkeit (oder Unwilligkeit?) der Stadt Köln, beizeiten menschenwürdige Flüchtlingsunterkünfte zu schaffen, löst das Problem auf absehbare Zeit nicht. Zu sagen, daß ein solches Leben hier immer noch besser sei als das Leben in den Herkunftsländern hat schon eine Tendenz zum Zynischen.

Eintagsfliegen als die sich manche pressewirksamen Willkommensaktionen erweisen, sind dann doch zu wenig, wenn Flüchtlinge hier auch eine Perspektive haben sollen.

Man kann nur immer wieder betonen, daß die Situation von Roma in den Herkunftsstaaten verbessert werden muß. Hier müssen verstärkt Anstrengungen unternommen werden und es muß stärker kontrolliert werden, ob die eingesetzten Mittel den tatsächlich Bedürftigen zugute kommen oder dubiosen „Selbstorganisationen“ oder korrupten staatlichen  Stellen, von denen es leider zu viele gibt.

Anders als das etwa im Falle von Bulgarien und Rumänien gehandhabt wurde, muß bei der Aufnahme neuer Beitrittskandidaten (aus Südosteuropa) in die EU strenger vorgegangen und der Einhaltung der Menschenrechte und der Bekämpfung von Korruption höhere Priorität beigemessen werden.

 

Rüdiger Benninghaus, 21. September 2014

  


 

[5.] Bemerkungen zur gegenwärtigen Diskussion um die Einwanderung aus Bulgarien und Rumänien

Die von der CSU aus parteipolitischen, also sachfremden Gründen losgetretenen Debatte über die Einwanderung von EU-Bürgern aus Bulgarien und Rumänien zeigt erneut, wie hier aus parteipolitischem und ideologischem Kalkül ein ernsthaft zu behandelndes Thema jenseits der Realität „verhackstückt“ wird – und dies nicht nur von Politikern bzw. Parteien.

Obwohl – soweit man Statistiken trauen kann – von vermutlich neutraler Seite nicht erst in den letzten Tagen mit Zahlen belegt worden ist, dass der Prozentsatz der Hartz IV-Bezieher sowohl unter bulgarischen als auch rumänischen Staatsangehörigen in Deutschland noch unter dem etwa anderer Migranten liegt, fühlt sich nun auch der neue Stern am FDP-Himmel, Christian Lindner, bemüßigt, „einen konsequenteren Umgang gegen die Zuwanderer, die die Sozialsysteme ausnutzen wollen“ zu fordern (http://www.rundschau-online.de ), als ob hier z.Zt. ein nennenswerter Handlungsbedarf bestünde.

Von anderer Seite wird dann jedoch behauptet, dass viele Fachleute unter den Zugewanderten aus Bulgarien und Rumänien zu finden seien. Aktuell ist das Institut der Deutschen Wirtschaft (Köln) mit Zahlen an die Öffentlichkeit getreten, die wenig glaubhaft erscheinen. So werden schon in den Statistiken dieser IW-Studie (http://www.iwkoeln.de) Bulgarien und Rumänien zusammen behandelt, so als gäbe es zwischen diesen beiden Ländern bzw. den Zuwanderern daraus keine Unterschiede. Mithin ist sie vermutlich in Hinblick auf die gegenwärtige Diskussion, die ebenfalls Bulgaren und Rumänen in einen (Ein-wanderungs-)Topf wirft, lanciert worden. Es wird darin behauptet, dass im Jahre 2011 der Anteil der 25- bis 64-Jährigen mit Hochschulabschluss bei den zugewanderten Bulgaren und Rumänen etwa 24,5 % betragen hätte. Zwar gibt es natürlich Ärzte (besonders aus Rumänien, aber wahrscheinlich kaum in dem Maße auch aus Bulgarien) und andere gut ausgebildete Personen, doch sind nach diesen Zahlen dann eben 75 % weit schlechter ausgebildete Migranten, vermutlich schlechter als der Durchschnitt in Deutschland.

Nicht klar in dem „policy paper“ des IW ist auch, ob es sich bei den genannten Akademikerzahlen um erst seit etwa 2007 Zugewanderte handelt oder ob darin auch Personen enthalten sind, die schon früher zum Studium nach Deutschland gekommen und hier geblieben sind.

Schließlich dürfte die Studie auch kaum die unbekannte, jedoch wohl nicht gerade kleine Zahl derer berücksichtigt haben, die gar nicht gemeldet sind; besonders bei ihnen kann man einen noch größeren Anteil von wenig ausgebildeten Menschen vermuten. Allerdings mag der Wohnungsmangel in Köln zur Folge haben, dass die Zahl der nicht gemeldeten Zuwanderer größer ist als in Städten, in denen nicht solch eine Wohnungsnot herrscht.

Obgleich mit Zahlen und Statistiken Politik gemacht wird, zeigt die Studie zumindest das Interesse der deutschen Wirtschaft an Zuwanderern, sprich: (billigen?) Arbeitskräften.

Alles in allem fehlt es noch an verlässlichen Informationen über die Zusammensetzung der Zuwanderer. Daher sind eben jeweils konträre Behauptungen über sie leicht möglich. Differenzierung findet kaum statt.

Es könnte sein, dass solche Zuwanderer, die nicht aufs Geratewohl auswandern, sondern sich etwas auf ihre Migration vorbereiten – also vermutlich Personen mit gewissem Bildungsstand – im Jahre 2014 im Wissen um eine Erleichterung der Arbeitsaufnahme vergleichsweise zunehmen.

Um aber einerseits aus der Luft gegriffene „Wahrheiten“ korrigieren zu können und andererseits nicht an der Zielgruppe vorbei zu agieren, sind mehr, sprich: detailliertere und objektivere (nicht von bestimmten Interessen geleitete) Informationen unerlässlich.

Nun hat die Stadt Köln zwar 1,1 Mio. Euro aus dem Europäischen Sozialfonds für die Integration der Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien zur Verfügung (siehe: http://www.ksta.de) – ein Konzept scheint es aber noch nicht zu geben. Zumindest in ein solches noch nicht an die Öffentlichkeit gedrungen. Man wird gespannt sein dürfen, welche Bürokraten was am grünen Tisch aushecken werden oder ob man nicht auch Leute zu Rate zieht, die schon Erfahrungen mit den Neueinwanderern vor Ort gemacht haben bzw. sich mit dem Thema beschäftigen.

Jeder der fordert, dass EU-Bürger gleich nach ihrer Ankunft in Deutschland Sozialleistungen bekommen können, ohne jemals gearbeitet zu haben – solche Forderungen sind auch in Köln zu hören – muß gleichzeitig eine Finanzierungsmöglichkeit präsentieren. Und er muß sich mit dem darauf folgenden Geschrei rechter Kreise auseinandersetzen, die diese Situation, wie schon in der Vergangenheit, erneut erfolgreich als Würze für ihr eigenes politisches Süppchen nutzen.

Da mögen vielleicht gewisse „andersfarbige“ Kreise schon in die Tastatur gegriffen haben, um sich bei ihrer nächsten Verlautbarung auf die EU-Kommission zu berufen, die angeblich Sozialleistungen für EU-Bürger schon vor einer (offiziellen) Arbeitstätigkeit gefordert hätte, als dann László Andor, EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Integration, doch zur „Präzisierung“ anheben mußte: http://europa.eu

Ein Leitfaden soll nun die „Missverständnisse“ klären (noch in Englisch): http://europa.eu

Jene Kreise in Köln haben auch verschiedentlich im Jahre 2013 behauptet, EU-Bürger aus Bulgarien und Rumänien bekämen, wenn überhaupt, dann nur durch Einschaltung eines Rechtsanwaltes Hartz IV-Leistungen. Diese vermutlich bewusst lancierte einseitige Darstellung ist schlichtweg falsch; man hat dabei nicht erwähnt, dass Zuwanderer, die eine Zeitlang hier gearbeitet haben, sehr wohl Sozialleistungen bekommen haben und bekommen, nicht jedoch solche, die hier noch nicht gearbeitet haben.

Die Erleichterung, die die volle Freizügigkeit für Bulgaren und Rumänen seit Anfang dieses Jahres gebracht hat, wird zwar manche Notlagen verhindern oder mildern, die Ausbeutung, nicht zuletzt durch länger hier lebende Migranten (vor allem aus der Türkei) wird jedoch fortbestehen. Hier müssen größere Anstrengungen unternommen werden, dieses moderne Sklavenhaltertum, vor allem im Rahmen von Schwarzarbeit, einzudämmen. Die wenigsten Zuwanderer sind daran interessiert, schwarz zu arbeiten, sondern werden dazu gezwungen.

Übrigens schafft die Möglichkeit, bei geringem Verdienst eine Aufstockung durch das Jobcenter zu bekommen, den Betroffenen – vor allem türkischsprachige bulgarische Staatsangehörige – die Gelegenheit,  auf ihre vielfach ausbeuterischen Arbeitgeber aus dem Kreis von Migranten aus der Türkei Druck auszuüben, diese Ausbeutung einzuschränken, da man jetzt nicht mehr „auf Teufel komm raus“ diesen ausgeliefert ist, um zu überleben. Diese Überlegung sollte natürlich nicht so verstanden werden, dass aus diesem Grunde die Inanspruchnahme von Sozialleistungen propagiert wird.

Quintessenz des hier Gesagten ist also: man soll sich frei von ideologischen Interessen und Spielchen der Realität annähern, Informationen sammeln und die Migration und die Migranten differenziert betrachten und dann aber auch handeln und nicht „aussitzen“. Auch für Alibi-Aktionismus ist das Thema zu ernst.

 
Zwar hat die Stadt Köln eine Ausstellung unter dem Titel
„Yes, we’re open! – Willkommen in Deutschland“ herangeholt
und im Rathaus ausgestellt, doch wird sich zeigen,
wie der Anspruch in Köln in die Tat umgesetzt wird.
(Foto: R.Benninghaus)
 
 
 

 

 

 

 

 

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Rüdiger Benninghaus, 18. Januar 2014, ergänzt am 8. Februar 2014

 


 

[4.]Kommentar zur Presseerklärung von NRW-Integrationsminister Guntram Schneider und NRW-Innenminister Ralf Jäger vom 7. August 2013:
„Maßnahmen der Landesregierung zur Unterstützung der von Armutszuwanderung betroffenen Kommunen“

http://www.mais.nrw.de/06_Service/001_Presse/001_Pressemitteilungen/pm_2013/008_August_2013/130807/index.php

Sicherlich nicht nur Latscho Drom e.V. begrüßt die Ankündigung der beiden NRW-Minister, Kommunen eine stärkere finanzielle Unterstützung zu gewähren, die sich einer größeren Anzahl von Zuwanderern aus Bulgarien und Rumänien, vielleicht in Zukunft auch aus Kroatien, gegenüber sehen. Und sicherlich ist dies schon lange überfällig, da die Einwanderung aus Bulgarien und Rumänien ja schon über ein halbes Jahrzehnt andauert. Wie so oft, muß offenbar erst hier und da das Kind in den Brunnen gefallen sein, bevor man aktiv wird.

In NRW ist Köln eine der Städte, die eine verstärkte Einwanderung aus den genannten beiden Ländern zu verzeichnen hat. Ende 2012 waren in Köln 4.212 bulgarische und 2.631 rumänische Staatsangehörige gemeldet, davon 1.147 Bulgaren im Stadtbezirk Mülheim, 750 in Kalk und 637 in Ehrenfeld  und 553 Rumänen in Kalk, 449 in Rodenkirchen und 407 in Mülheim. Die Gesamtzahlen sind weiter gestiegen, wobei sich die der Rumänen langsam der der Bulgaren annähert. Darüber hinaus leben nicht wenige Bulgaren und Rumänen ohne Anmeldung in Köln

In der Presseerklärung der Minister wird u.a. darauf hingewiesen, daß es dabei auch um den sozialen Frieden in den Städten geht. Hält man sich das vor Augen, so wird man sich vielleicht daran erinnern, daß schon in der Vergangenheit rechtsgerichtete Parteien und Gruppierungen soziale Probleme aufgegriffen und versucht haben, daraus politischen Profit zu ziehen.

In der Presseerklärung werden, wie auch schon z.B. in dem Positionspapier des Deutschen Städtetages vom 22.01.2013 und anderer Institutionen, einige der vordringlichsten Aufgaben aufgeführt, die zur Integration der Neueinwanderer anzugehen wären. Sie sollen daher hier nicht allesamt wiederholt werden. Es bleibt zu hoffen, daß diese Aufgaben dann tatsächlich in sachkundige Hände geraten.

Nach dieser Ministerzusage sollte nun die Stadt Köln „die Beine in die Hand nehmen“ und Mittel für die genannten Bereich beantragen bzw. Konzepte für die Verwendung dieser Mittel vorlegen Sie kann sich jetzt erst recht nicht mehr auf die schlechte städtische Haushaltslage berufen. Über die „Versuchsphase“ des Aussitzens der Probleme sind Städte wie Duisburg und Dortmund schon hinaus, da sie begriffen haben, daß das nicht nur nicht funktioniert, sondern auch größere Folgekosten verursachen dürfte.

Im Rahmen von Mülheim 2020 ist offenbar so viel Geld vorhanden, dass man es sich leisten kann, die Zahl in Stahl auf dem Wiener Platz aufzustellen. Was hätte man mit diesem aus dem Fenster geworfenen Geld nicht alles in dem Stadtteil machen können, in dem die meisten Neueinwanderer aus Bulgarien und Rumänien leben? Was hat man überhaupt mit dem Geld von Mülheim 2020 für die Integration dieser Menschen im Projektgebiet getan? „Kein Geld da“ ist ganz offensichtlich Augenwischerei.

Wenn in Köln monatelang schulpflichtige Kinder aus den beiden genannten Staaten auf die Einschulung in eine Förderklasse (Vorbereitungsklasse) warten müssen, dann zeigt sich hier ein Versäumnis bzw. Handlungsbedarf. Es müssen mehr Förderklassen, möglichst in den Stadtteilen mit entsprechenden Zuwandererzahlen, eingerichtet und mit fachlich dafür ausgebildeten Lehrern (z.B. einem Diplom „Deutsch als Fremdsprache“) ausgestattet werden.

Das Erlernen der deutschen Sprache kann nicht allein im Rahmen der Integrationskurse geschehen. Nicht jeder Neueinwanderer ist auf Grund seiner Vorbildung bzw. seines Bildungsniveaus in der Lage, fünf Tage in der Woche für jeweils drei oder vier Stunden die Schulbank zu drücken. „Niederschwellige“ Sprachkurse in der Sprache dieser Migranten sind nach unseren Erfahrungen besser geeignet, sowohl Interesse am Deutschlernen zu wecken als auch notwendig, um erst einmal ein Niveau zu schaffen, mit dem sie einem Unterricht auf Deutsch folgen können. Die unter bestimmten Rahmenbedingungen stattfindenden Integrationskurse sind für nicht wenige der Migranten daher nicht attraktiv, wie sie uns verschiedentlich berichtet haben.

In Köln soll nun ein Kommunales Integrationszentrum (KIZ) als eine von drei Abteilungen (!) einer „Punktdienststelle Diversity“ (ein „Lob“ dem Schöpfer dieses Namens) eingerichtet werden, das offenbar vornehmlich die bisherige RAA und das Interkulturelle Referat ersetzen soll – bei reduziertem Personal! Von einem Integrationszentrum, gerade in der größten Stadt des Landes, sollte man eigentlich mehr erwarten als lediglich ein paar Aufgaben im Bildungsbereich. Die Integration der neuen EU-Bürger z.B. wird in dem Zusammenhang, soweit zu hören, kaum angesprochen. Aber wenn nicht in einem KIZ, wo sonst sollte diese Aufgabe angegangen werden?

Die Stadt Köln spricht von „interkultureller Öffnung“ der Verwaltung – in den Jobcentern, Sozialämter ist es jedoch bisher für sprachkundige Mitarbeiter noch „verboten“, ihre Kundschaft in deren Sprache anzusprechen. Vordergründige Begründung: „die Amtssprache ist Deutsch“. So kommt es, daß z.B. ein ehrenamtlich tätiges Mitglied von Latscho Drom türkischsprachige Bulgaren unnötigerweise als Dolmetscher zu einem türkischsprachigen Jobcenter-Mitarbeiter begleitet/ begleiten muß. Beim Ausländeramt scheinen solche Zeiten glücklicherweise vorbei sein. Wenn von Seiten der Ämter Dolmetscher ständig zur Verfügung stünden, wären natürlich Ehrenamtler entlastet und könnten an anderer Stelle als "Integrationslotsen" tätig sein.

Um sinnvoll Angebote machen zu können, muß man die Zielgruppen, ihre demographische, soziale, bildungsmäßige und ethnische Zusammensetzung besser kennen, als das bisher der Fall ist, ansonsten laufen manche Maßnahmen ins Leere. Die vom Kölner Arbeitslosenzentrum KALZ in Bezug auf Obdachlose in Köln initiierte Studie hat einen kleineren Teilbereich erfaßt und manche interessante Einsichten verschafft – aber eben nur auf dem genannten Gebiet. Weitere Studien sind daher notwendig. Das Statistische Amt der Stadt Köln (eventuell noch mehr die einzelnen Meldeämter) könnte und sollte mehr Material dazu liefern, als man bisher von ihm bekommen konnte.

Intensive Zusammenarbeit mit anderen Städten, z.B. mit Duisburg und Dortmund, wie sie auch schon angeboten worden ist, sollte die Stadt Köln befähigen, nicht bereits als Fehler erkannte Maßnahmen zu wiederholen und erfolgreiche aufzugreifen. Darüber hinaus sollten auch Handlungskonzepte aus anderen deutschen Städten herangezogen und bedacht werden. Einige Hinweise dazu finden sich auf der folgenden Webseite: http://www.latscho-drom.org/index.php/links

 

Rüdiger Benninghaus, 15. August 2013, geändert bzw. ergänzt am 11. September 2013

 


 

[3.]Anmerkungen zu einer Ausstellung

Unter dem Titel „Wir boxen uns durch! – Vorbilder – Champions – Idole“ haben der Rom e.V. und das Studio DuMont (Kölner Stadt-Anzeiger) im Studio DuMont 18 Tafeln mit Sportlern verschiedener Länder aufgestellt, auf denen, so die Veranstalter, „bedeutende Sinti- und Roma-Sportler aus Vergangenheit und Gegenwart“ mit ein paar Fotos und jeweils einer Kurzbiographie präsentiert werden. Diese Präsentation war vom 7. bis 28. Juni 2013 zu sehen.

Da die Organisatoren von einem Kurator (Jovan Nikolić) schreiben, stellt man sich doch schon eine aufwändigere Ausstellung vor als die wenigen Tafeln mit Texten, die scheinbar nicht unwesentlich aus Wikipedia-Artikeln zusammengestellt sind. Sicher, in die technische Qualität der Tafeln hat man etwas investiert, inhaltlich ist diese Ausstellung jedoch einfach nur „hingehauen“.

Es wird also behauptet, daß dort Sportler aus „der Minderheit“ der „Sinti und Roma“ gezeigt werden, was schon schräg ist, da es sich nicht um eine Minderheit handelt. Im Widerspruch dazu steht die Aussage des Rom e.V. im gleichen Handzettel, dass es „kein ‚Volk der Roma’“ gäbe, was natürlich stimmt, jedoch eben nicht zu anderen Aussagen der „Aufklärer“ passt.

Es ist nicht die erste Ausstellung des Rom e.V., in der Persönlichkeiten (in jenem Falle bildende Künstler) zu Roma gemacht werden, die jedoch nach ihrem Selbstverständnis keine Roma, sondern Gitanos oder Sinti sind oder deren vermeintliche Zigeunerherkunft ohnehin fraglich ist.

Welche Personen als „Sinti und Roma“ vorgeführt oder besser noch: zu „Sinti und Roma“ oder Sinti oder Roma gemacht werden, das hat nicht allein mehr mit schlampiger Recherche zu tun, sondern hier wird mitden Gerüchten über angebliche „SintiundRoma“-Zugehörigkeit Effekthascherei betrieben und Politik gemacht: „Unsere Ausstellung ist ein weiterer Versuch, Klischees abzubauen, die über die Minderheit im Umlauf sind.

Klischeeabbau durch die Präsentation von Gerüchten und Falschinformationen! Man wird an Max Frisch’s „Andorra“ erinnert, wenn hier, um dem genannten Ziel zu dienen, irgendwelche Personen als Sinti und/ oder Roma ausgegeben werden, die sicherlich teilweise gar nichts davon wissen, zu was sie hier „gemacht“ worden sind.

Wer wird nun präsentiert? Zunächst einmal nicht nur Boxer, wie man vielleicht nach dem Obertitel der Präsentation vermuten könnte; die Hälfte der Porträtierten sind Fußballspieler.

Bănel Nicoliţă (Fußballspieler, Rumänien) ist tatsächlich, soweit bekannt, ein rumänischer Rom.

Wenn denn José Rodríguez Martínez (Fußballer, Spanien)und Jesús Navas Gonzáles (Fußballer, Spanien) tatsächlich Zigeuner sind, dann Gitanos/ Calé, also weder Sinti noch Roma.

José Antonio Reyes Calderón (Fußballer, Spanien) hat es zumindest einmal in einem Interview abgestritten, von Zigeunerherkunft zu sein. Aber auch hier wäre gegebenenfalls an eine Gitano-Herkunft zu denken.

Über Ricardo Andrade Quaresma (Fußballspieler, Portugal) ist zu lesen, dass sein Vater Zigeuner (offenbar Gitano) war; Quaresma wird manchmal als „Cigano“ oder „Gypsy of Portugal“ tituliert.

Gegen Ilie Năstase (Tennisspieler, Rumänien) lief 2010 eine Untersuchung wegen rassistischer Äußerungen über Roma in Rumänien. Ob so jemand zum Vorbild taugt?

Bartley Gorman (Bare Knuckle Fighter, Irland) gehört weder zu den Sinti, noch zu den Roma, sondern zu den irischen Travellers, wie die Ausstellungsmacher eigentlich schon auf dem abgebildeten Buchcover hätten lesen können. Ob das Aufeinanderlosdreschen ohne Boxhandschuhe etwas ist, was jungen Menschen als Leitbild dienen sollte, mag zudem stark bezweifelt werden, selbst wenn das unter einigen Travellers-Gruppen „Tradition“ ist.

Johann “Rukeli” Trollmann (Boxer, Deutschland) und Jakob „Weidemann“ Bamberger (Boxer, Deutschland) waren in der Tat zwei deutsche Sinti, was allerdings auf den jeweiligen Tafeln nicht erwähnt wird.

Nicht passend ist es jedenfalls und keineswegs nur Kritik an einer Formalität, wenn auf dem Handzettel des Vereins über einem Foto des Sinti-Boxers Rukeli Trollmann in großen Lettern zu lesen ist: „Be young and be Roma! Be proud and be Roma!“ – Ganz abgesehen von der unsinnigen Aufforderung „jung“ zu sein und dem grammatikalisch unrichtigen „Roma“.

Von Andrea Pirlo (Fußballer, Italien) wird berichtet, dass er Gerüchten entgegen getreten ist, er sei Sinto oder hätte „Zigeuner-Hintergrund“. Dennoch wird von ihm behauptet: „He too is not afraid he to say is an ethnic Roma and Sinti.” (http://www.romea.cz). „Ein ethnischer Roma und Sinti“ – diese merkwürdige Kategorisierung muß allein schon stutzig machen.

Über die Herkunft von Éric Cantona (Fußballer, Frankreich) existieren ebenfalls widersprüchliche Gerüchte. Manchmal wird seine Herkunft von französischen Sinti (Manouches) behauptet, dann aber auch von katalanischen Gitanos. Nichts Genaues weiß man offenbar nicht.

Ob Rustam Adschi (Ringer, Ukraine) irgendeine Beziehung zu Zigeunern hat, konnte ich nicht herausfinden.

Über Iwajlo Marinow (Ivaylo Marinov, Boxer, Bulgarien) wird gesagt, dass er türkischer Herkunft sei, was also zumindest seine Zigeuner-Zugehörigkeit nicht eindeutig erscheinen läßt.

Die Vorfahren von Gheorghe Hagi (Fußballer, Rumänien) sollen aus dem griechischen Mazedonien nach Rumänien ausgewandert sein und möglicherweise zur Volksgruppe der Aromunen gehört haben. Ob das stimmt oder nicht – auch hier sind Behauptungen, er wäre zu den Roma zu rechnen, nicht belegt. 

Serafim Todorov (türkischer Name: Ahmet Sabri, Boxer, Bulgarien) wird zwar, ohne Belege, als Rom bezeichnet; anderenorts wird ihm eine bulgarisch-georgische Herkunft zugeschrieben.

Außer Behauptungen auf zahlreichen, voneinander abschreibenden Internetseiten gibt es über auch Silvio Branco (Boxer, Italien) und Milan Baroš (Fußballer, Tschechien) offenbar nichts, was eine verlässliche Aussage bezüglich ihrer ethnischen Zugehörigkeit gestatten würde.

Die Großeltern (!) von Michele di Rocco (Boxer, Italien) – „Zigeuner-Boxer“ genannt – sollen  italienische Roma gewesen sein.

Die Auswahl der Sportler, von den bereits geäußerten Bedenken abgesehen, erscheint ziemlich willkürlich und ist nicht nachzuvollziehen, wenngleich natürlich die Wertung „bedeutend“ Auffassungssache ist und man sich auf einige wenige beschränken mußte.Selbst wenn die ausgewählten 18 Personen tatsächlich Zigeuner (das steckt ja hinter dem untauglichen, weil sachlich falschen Lable „Sinti und Roma“) sein sollten – was eben in einigen Fällen fraglich ist – so gäbe es sicher eine Reihe viel bekannterer und nach ihren sportlichen Leistungen „bedeutendere“ Sportler, die man hätte präsentieren können.

Nicht ganz einsichtig ist, wenn ein allerdings gar nicht so „bedeutender“ Sinti-Fußballer wie Walter Laubinger zwar in einem Flyer zur Veranstaltung erwähnt wird, jedoch in der Ausstellung nicht auftaucht.

Es stellt sich die Frage, ob dem Rom e.V. und all jenen, die irgendeine bekannte Persönlichkeit zu „Sinti-und-Roma“ erklären, klar ist, dass sie sich in die Tradition von Nazi-Rasseforschern stellen, indem sie aufgrund tatsächlicher oder nicht nachgewiesener Zigeunervorfahren diese zu Zigeunern machen, obgleich sie sich selbst nicht so sehen oder noch nicht einmal etwas davon wissen. Ist schon jemand Sinto, Rom, Gitano oder was auch immer, wenn zwar irgendwelche Vorfahren Zigeuner waren, er jedoch überhaupt nicht mit deren Kultur in Berührung gekommen ist? Bei einer Bejahung dieser Frage muß man wohl, wie gesagt, von einer rassistischen oder biologistischen Herangehensweise sprechen. Dabei ist das Attestieren von Zigeuner-„Wurzeln“ nur ein Kaschieren der gleichen Anschauung.

Der britische Journalist David Altheer hat das Thema der vermeintlichen Zigeuner („would-be Romanies“) einmal treffend kritisiert: http://www.spiked-online.com.

Natürlich gibt es auch nicht wenige Fälle, wo sich jemand selbst zum Zigeuner (gleich welcher Gruppe) erklärt hat, nur weil er entdeckt hatte, dass er unter seinen Vorfahren Zigeuner gehabt hat, wohl möglich noch vor etlichen Generationen. Auch hier ist es bedenklich, wenn man solch eine Person nun als Zigeuner präsentiert.

Immerhin ist nicht auch der „Bomber der Nation“, der Fußballer Gerd Müller, zu einem Angehörigen „der Minderheit“ gemacht worden, trotz entsprechender Gerüchte.

Kann man jungen Zigeunern nur dann zu einem neuen Selbstbewußtsein „verhelfen“, indem man sie mit Falschinformationen versorgt? Hat man es nötig, Personen als Zigeuner zu präsentieren, von denen es nicht sicher ist, dass sie zu einer bestimmten Zigeunergruppe gehören, zumal sie sich selbst nie dazu bekannt haben? Ein Anhaltspunkt könnte sein, wieweit sich eine Person auf ihrer persönlichen Webseite oder in Interviews selbst zu einer Ethnie bekennt.

Vorbilder müssen nicht aus der gleichen Ethnie sein. Warum soll für einen Gitarre spielenden Nicht-Zigeuner Django Reinhardt nicht Vorbild sein oder für einen fußballbegeisterten Roma-Jungen nicht Pelé?

Unbesehen Behauptungen zu übernehmen, dass diese oder jene Person Zigeuner wäre, wie es z.B. ein Julio Muñoz Gijón in einem Zeitungsartikel vorgelegt hat (http://www.huffingtonpost.fr), zeugt nicht gerade von einer seriösen und verantwortungsbewussten Recherche.

Auch die Webseite über „famous Gypsies“ (!) – deren Liste offensichtlich von zahlreichen Abschreibern benutzt wird – ist alles andere als eine verlässliche Quelle: http://www.imninalu.net, wie leicht anhand einiger Beispiele zu belegen wäre.

Als seriöse Quelle taugt auch Wikipedia sicherlich nicht, da sich hier Ideologen und Fälscher jedweder Couleur tummeln können, um ihre Meinung unters Volk zu bringen. So ist auch die Zusammenstellung in der englischen Wikipedia: http://en.wikipedia.org nicht unkritisch zu übernehmen, zumal Belege häufig fehlen. Immerhin finden sich manche der in der Rom e.V.-Ausstellung präsentierten Sportler nicht in der Wikipedia-Liste. Hierbei fällt übrigens auf, dass in Einzelartikeln zu den dort aufgeführten Persönlichkeiten gar nicht mal immer eine Zigeunerherkunft behauptet wird. Sachlich falsch ist der Titel eines entsprechenden Artikels in der deutschen Wikipedia-Version (die von der englischen abweicht): http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_bekannter_Roma, da eben nicht alle Zigeuner Roma sind. 

Schließlich kann auch die Frage in den Raum gestellt werden, ob eine bekannte Persönlichkeit als Vorbild hingestellt werden sollte, die zwar in ihrer Branche, etwa im Sport, erfolgreich ist, deren Lebenswandel alles andere als vorbildlich ist. Da wird sicherlich z.B. ein Uwe Seeler von einem Diego Maradona zu unterscheiden sein.

Alles in allem muß man sagen: viel Wirbel (dank der Verbindung Kurt Holl – Verlegersfrau Hedwig Neven DuMont – Kölner Stadt-Anzeiger) um fast nichts und ein höchst fragwürdiger Versuch die Öffentlichkeit „aufzuklären“.

 

Rüdiger Benninghaus, 30. Juni 2013

 


 

[2.] Bemerkungen zum „Welt-Roma-Tag“

Weltweit, so wird immer behauptet, wird am 8. April der „Welt-Roma-Tag“/ „Internationale Roma-Tag“ gefeiert.

Aber wer feiert hier eigentlich? Wer ist mit „Roma“ gemeint? Was wird gefeiert? Oder wird gar nicht gefeiert, darf gar nicht „gefeiert“, sondern nur einem Ereignis „gedacht“ werden? Welchem Ereignis?

Im April 1971 haben sich in der Nähe von London 22 „Delegierte“ und „Beobachter“, Zigeuner und Nicht-Zigeuner aus verschiedenen Ländern, vornehmlich aus Südosteuropa, zu einem Treffen zusammengefunden, das bis heute in einer Weise mystifiziert wird, daß Dichtung und Wahrheit kaum jemandem bekannt bzw. auseinander zu halten ist. Die sogenannten Delegierten – wer sie eigentlich delegiert haben soll, ist ein noch ungelüftetes Geheimnis – haben tatsächlich oder angeblich verschiedene Beschlüsse gefaßt, die heute von Seiten einiger „professioneller Roma“ und vermutlich noch mehr Nicht-Zigeunern als das „zigane Manifest“ angesehen bzw. propagiert wird. Einer dieser Beschlüsse soll gewesen sein, wie immer wieder von interessierter Seite gebetsmühlenartig betont wird, daß fortan alle Zigeuner weltweit nur noch „Roma“ genannt werden sollen – ob sie (und auch die Nicht-Zigeuner) wollen oder nicht.

Im Andenken an dieses „historische“ Meeting sollte der 8. April also künftig als „Welt-Roma-Tag“ begangen werden. Aber hier, wie auch in anderen Punkten, stößt man schon auf einige Ungereimtheiten. So soll nach Aussage eines der seinerzeit maßgeblich Beteiligten (der Nicht-Zigeuner Grattan Puxon, PUXON 2000, S.113) der 8. April das Ende des Kongresses markiert haben; ein anderer aktiver Teilnehmer (KENRICK 1971) läßt das Treffen am 8.April beginnen. Puxon (ebd.) und Kenrick (KENRICK 2007, S.293) behaupten, daß schon 1971 der 8. April als „Romani national day“ bestimmt worden sein soll, nach anderer Lesart soll dies jedoch erst auf dem 4. Welt-Roma-Kongress 1990 beschlossen worden sein, der am 8. April 1990 eröffnet worden war. Auch über die Zahl der „Delegierten“ und ihre Herkunftsländer kursieren verschiedene Angaben (namentliche Auflistung bei KENRICK 1971, S.107 f.; siehe auch: MARUSHIAKOVA/ POPOV 2004, S.78; demgegenüber: PUXON 2000, S.106).

Dieser unter Berufung auf das Treffen von 1971 hauptsächlich von Nicht-Zigeuner zur politischen Korrektheit erklärte sachliche Unsinn hat, wie eben auch am Namen dieses Tages deutlich wird, dazu geführt, daß man häufig nicht ohne weitere Erklärung wissen kann, wer denn eigentlich mit „Roma“ gemeint sind. Gehören Sinti, Gitanos/ Calé, orientalische Zigeuner dazu? Oder gar Jenische, Travellers und andere Fahrende (bzw. ehemals Fahrende)?

Zwei kanadische Politikerinnen laden zu einer Veranstaltung zum „Internationalen Roma-Tag“ am 8. April 2013 an und erklären: „International Roma Day celebrates Romani culture and raises awareness of the issues and challenges facing the Roma. On April 8th, 1971, the UN officially recognized the Roma community as a single ethnic group of people with a shared origin from North Western India (Rajasthan), who are part of a large diaspora spanning many continents.

http://www.peggynash.ndp.ca (Aufruf: 29.3.2013)

Abgesehen davon, daß hier nicht klar ist, ob tatsächlich der größte Zweig unter den Zigeunern oder alle Zigeuner gemeint sind, ist doch sehr fraglich,

1. ob in welchem der beiden Fälle auch immer von einer „einzigen/ einheitlichen ethnischen Gruppe“ gesprochen werden kann,

2. ob die Vorfahren der heute als Zigeuner bezeichneten Bevölkerungsgruppen gemeinsamen Ursprungs sind,

und 3. ob Rajasthan unzweifelhaft die „Urheimat“ der verschiedenen Gruppen war.

Sicher ist hingegen, daß die Vereinten Nationen am 8. April 1971 keine solche Anerkennung ausgesprochen haben. Im Jahre1979(!), am 28. Februar haben die UN der „International Romani Union“ den Status einer Nicht-Regierungsorganisation (!) in einzelnen ihrer Gremien zuerkannt, nicht mehr; selbst für dieses Datum findet man in den verschiedenen Publikationen unterschiedliche Angaben.

Offensichtlich haben sich die beiden Politikerinnen (und nicht nur die) nicht mit den Hintergründen dessen beschäftigt, was sie da propagieren. Man könnte daraus folgern, daß Ihnen das auch nicht so wichtig ist.

In der Türkei hat man seit wenigen Jahren (seit 2010?) im Zuge der zahlreichen Vereinsgründungen und verstärkter Kontakte türkischer Zigeuner mit ausländischen Roma-Organisationen vereinzelt begonnen, einen „Welt-Roma-Tag“ zu begehen. Einzelne Aktivisten unter türkischen Zigeunern haben den Tag jedoch zu einem Gedenktag an die NS-Zigeunerverfolgung propagiert:

http://www.facebook.com

http://babaeskigundemgazetesi.com

http://www.durde.org (Aufrufe: 31.3.2013)

Das hatte zur Folge, daß sich manch einer vor diesem Hintergrund Gedanken machte, daß man an solch einem Trauertag schlecht feiern könne:

http://yurthaber.mynet.com (Aufruf: 31.3.2013)

Andere wiederum gedenken des 8. April 1971:

http://mediaroma.blogspot.de (Aufruf: 29.3.2013)

Oder sowohl als auch:

http://www.zaman.com.tr (Aufruf 31.3.2013)

Teilweise wird der „Welt-Roma-Tag“ in der Türkei mit völlig falschen Hintergrundinformationen erklärt:

http://bianet.org (hier wird der 1. Roma-Welt-Kongreß auf das Jahr 1975 verlegt und geschrieben, daß Zigeuner aus 54 Ländern daran teilgenommen hätten)

http://www.dha.com.tr (seit 1970 würde der Tag auf der ganzen Welt begangen)

http://www.kizlarsoruyor.com (hier wird der 20. März als Datum genannt) (Aufrufe: 31.3.2013)

Die „Umwidmung“ des Tages scheint durch Kontakte mit westeuropäischen Aktivisten in die Türkei importiert worden zu sein. Es mag sich hier das Gedenken an die Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar mit dem 8. April vermischt zu haben.

Nicht unerwähnt bleiben soll, daß es in der Türkei auch Proteste von Zigeunern gegen die Feier eines „Welt-Roma-Tages gegeben hat (2012 in Edirne), und zwar aus türkisch-nationalistischen Gründen:

http://www.edirnehaberci.com

http://www.haberler.com

http://www.ondergazetesi.com (Aufrufe: 31.3.2013)

Die maßgeblich von Nicht-Travellers bestimmte irische Organisation „Pavee Point“ (Dublin) hat den 8. April 2013 zum „International Roma & Traveller Day“ erklärt, der an den ersten „Roma Traveller World Congress“ erinnern soll:

http://paveepoint.ie (Aufruf: 29.3.2013)

Was wohl der „Durchschnitts-Traveller“ davon hält?

Vielleicht wird der „Jenische Bund in Deutschland“ irgendwann einmal nachziehen und versuchen, den 8. April als „Welt-Roma & Jenischen-Tag“ zu instrumentalisieren.

Interessant ist auch, wenn jemand in Spanisch von einem „Día Internacional del Pueblo Gitano (Rom)“ schreibt (http://www.sarakali.com, Aufruf 9.4.2013). Wie muß man hier „Gitano“ übersetzen? Als Gitanos/ Calé, also die Bezeichnung für eine hauptsächlich auf der iberischen Halbinsel lebende Zigeunergruppe oder einfach als Sammelbezeichnung für Zigeuner im Spanischen? Wohl letzteres dürfte der Fall sein, vor allem, wenn man an den „erklärenden“, aber unsachlichen Zusatz „Rom“ denkt, der ja über die Gruppe der Gitanos hinausweist. 

Ein „Welt-Roma-Tag“ suggeriert eine Einheit verschiedener Bevölkerungsgruppen, die es, soweit bekannt, nie gegeben hat und auch (noch?) nicht gibt. Es scheint allerdings hauptsächlich das Bestreben bestimmter Kreise unter Nicht-Zigeunern zu sein, solch eine Einheit als gegeben zu behaupten oder zumindest daraufhin zu arbeiten – wiederum: ob die Zigeuner wollen oder nicht. Möglicherweise würde sich ein „Welt-Zigeuner-Tag“ größerer Akzeptanz unter Zigeunern erfreuen können als ein „Welt-Roma-Tag“, wenn dann eben verschiedene Nicht-Roma-Zigeunergruppen angesprochen würden.

Diese wenigen Beispiele zeigen, daß dieser Tag für alles Mögliche, teils überhaupt nicht zusammen Passende herhalten soll/ muß. So dürfte es gewisse Schwierigkeiten machen, diesen Tag „korrekt“ zu begehen – es sei denn, man macht sich nicht weiter Gedanken darüber.

An den Sinti, den Dom- und Lom-Zigeunern und den Gitanos (von ein paar „Internationalisten“ abgesehen) geht der 8.April vorbei, ohne daß sie davon auch nur von Ferne berührt würden – wie sollten sie auch, sie sind ja keine Roma. Aber auch der Mehrheit der Rom-Zigeuner dürfte der 8. April nichts sagen.

Zitierte Quellen:

KENRICK, D(onald) S.:
    The World Romani Congress - April 1971
    In: Journal of the Gypsy Lore Society, 3rd series, vol.50, parts 3-4 (1971), S.101-108
    Edinburgh
KENRICK, Donald:
    Historical Dictionary of the Gypsies (Romanies)
    (Historical Dictionaries of Peoples and Cultures, No.7)
    Lanham, Maryland u.a 2007 (2nd ed.)
MARUSHIAKOVA, Elena/
POPOV, Vesselin:
    The Roma – a Nation Without a State?
    Historical Background and Contemporary Tendencies
    In: Bernhard Streck (Hrsg.): Segmentation und Komplementarität – Organisatorische, ökonomische und kulturelle Aspekte der Interaktion von Nomaden      
    und Sesshaften (Orient-wissenschaftliche Hefte, Nr.14 - Mitteilungen des SFB „Differenz und Integration", Bd.6), S.71-100
    Halle 2004
PUXON, Grattan:
    The Romani Movement:
    Rebirth and the First World Romani Congress in Retrospect
    In: Thomas Acton (ed.): Scholarship and the Gypsy Struggle. Commitment in Romani Studies, S.94-113
    Hatfield 2000

 

Rüdiger Benninghaus, 31. März 2013, ergänzt am 9. April 2013

 


 

[1.]Kommentar zum Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger vom 27.3.2013:

"Stadt nutzt Geldmittel für Roma nicht"

http://www.ksta.de

Der Beitrag ist vom KStA als Kommentar in der Online-Ausgabe nicht angenommen worden.

Das in der Stellungnahme von Latscho Drom e.V. angeführte Beispiel für das Nichtabrufen von Finanzmitteln durch die Stadt Köln ist nur ein Beispiel von mehreren.

Die Einwanderung von Bulgaren und Rumänen nach Köln ist nicht erst ab 2013 erfolgt. D.h. die Stadt Köln hätte, wenn Sie denn die Notwendigkeit des „Auffangens“ dieser Zuwanderer früher verstanden bzw. akzeptiert hätte, aus dem KOMM-IN-Topf, solange es ihn noch gab, Mittel dafür beantragen können. Auch nach Auslaufen dieses Programms haben beispielsweise die Städte Duisburg und Bonn noch Gelder vom Land NRW zur Integration dieser Neueinwanderer aus den beiden EU-Ländern beantragt und bekommen.

In der letzten Woche hat, wie zu vernehmen ist, die Landesregierung Mittel zur Bekämpfung der Armut im Lande beschlossen, wobei ausdrücklich auch auf die bulgarischen und rumänischen Migranten Bezug genommen worden ist. Es liegt nun an der Stadt Köln, möglichst schnell ein Konzept vorzulegen und Gelder aus diesem Topf für den genannten Zweck zu beantragen, anstatt auf ein Wunder von oben (EU, und/ oder Bund) zu warten.

Dazu ist es vermutlich auch nicht notwendig, darauf zu warten, bis die Konkurrenz zweier städtischer Dezernate beigelegt ist, um ein Kommunales Integrationszentrum (gemäß Teilhabe- und Integrationsgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen) in der größten Stadt des Landes errichten zu können, das sicherlich ein geeigneter Träger eines entsprechenden Projektes wäre.

Es geht das Gerücht um, die Mitarbeiter des Interkulturellen Referats, das ja demnächst zerschlagen werden soll, habe in der Vergangenheit einen nicht geringen Teil ihrer Arbeitszeit darauf verwenden müssen, Reden für Politiker und/ oder die Verwaltung zu schreiben. Wenn dem so ist, verwundert es nicht, dass man für die Inangriffnahme wichtigerer Projekte als eines „Integrationsatlasses“ oder eines Projektes wie „Auf die Mischung kommt es an: Vielfältige

Öffentlichkeitsarbeit zur effektiven Etablierung einer integrativen Stadtgesellschaft in Köln“ kaum Gedanken verwenden konnte oder andere Geldmittel außerhalb des städtischen Haushaltes hätte requirieren können. Man hätte sich andere, sicherlich notwendigere Projekte einfallen lassen können.

Was diese beiden KOMM-IN-Projekte unter dem Strich gebracht haben, ist vermutlich nur Eingeweihten bekannt.

Beim Zauberwort (oder Modewort) „Vernetzung“ sträuben sich mir regelmäßig die Haare, weil es nicht selten als Selbstzweck verstanden wird bzw. lediglich den Effekt hat, die wenigen für eine Maßnahme zur Verfügung stehenden Mittel auch noch unter verschiedenen „Vernetzten“ aufzuteilen, so dass nicht nur einmal Mittel für Verwaltungsaufgaben abgezweigt werden.

Wenn es dem Stadtsäckel doch so an Geld fehlt – von dem Sinn und Unsinn verschiedener Großprojekte in Köln und der Verschwendung städtischer Mittel (laut Rechnungsprüfer) soll jetzt nicht weiter die Rede sein – warum hat man dann nicht alle Möglichkeiten genutzt, an externe Geldquellen zu kommen, so fragt sich der Laie.

Entgegen der Aussage von Frau Fohlmeister lohnt es sich jedoch, sich mit dem Dschungel der EU-Finanzierungsmöglichkeiten eingehend zu beschäftigen, um von dort für fest umrissene Projekte Gelder zu bekommen. Ich vermute stark, dass man sich in der Stadt Köln bisher nur ungenügend (wenn überhaupt) informiert hat, wie man an EU- oder sonstige Finanzmittel zur Integration der Neueinwanderer bemüht hat.

Schließlich: Niemand in der Stadt weiß, wie hoch der Anteil der Roma unter den Einwanderern aus den beiden neuen EU-Staaten ist, wie viele ethnische Türken, Bulgaren, Pomaken, Rumänen u.a. darunter sind, da es keinerlei Untersuchungen dazu gibt. Der Rom e.V. – immer bemüht, Zahlen herunter zu spielen, wenn es um „Probleme“ mit Roma oder überhaupt Zigeuner geht – dürfte jedoch mit der in seiner Presseerklärung genannten Zahl von 10 % weit von der Realität entfernt sein, da mag er sich noch so sehr auf „seriöse Kenner Südosteuropas“ berufen (gemeint ist hier vermutlich lediglich der Journalist N. Mappes-Niediek).

Der Verein Latscho Drom macht – obwohl sein Fokus auf verschiedenen Zigeunergruppen liegt – bei der sozialen Arbeit mit bulgarischen Zuwanderern keinen Unterschied zwischen den Ethnien und fragt nicht, ob jemand zu den Roma gehört oder nicht; denn in prekären Verhältnissen leben hier nicht nur Roma aus den beiden Ländern.

 

Rüdiger Benninghaus, 27. März 2013


 

   
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